Es kommt selten vor, dass ein Film die Technologie richtig hinbekommt. Und es kommt noch seltener vor, dass dieser Film ein Thriller oder Horrorfilm ist, bei dem der Realismus gegenüber Schrecken und Spannung in den Hintergrund tritt. Aber Rote Räume meistens versteht es. Nichts bringt mich schneller aus einem Film heraus als ein technischer MacGuffin, der genauso gut im wahrsten Sinne des Wortes magisch sein könnte. Ja, der Begriff „Dark Web“ wird immer etwas albern klingen, aber in den 118 Minuten wird die Technik zu keinem Zeitpunkt zur Ablenkung.
Es ist nicht die Technologie, die es schafft Rote Räume aber großartig. Es ist einfach etwas, das einen ansonsten hervorragenden Film leicht hätte zerstören können. Was den Film trägt, ist der gekonnte Spannungsaufbau durch Regisseur Pascal Plante. Das perfekte langsame Tempo. Und die unglaublichen Auftritte von Juliette Gariépy als Kelly-Anne und Laurie Babin als Clémentine.
Der Film dreht sich hauptsächlich um Kelly-Anne, ein Model, Hacker und professionelle Spielerin, die dem Prozess gegen den Serienmörder Ludovic Chevalier beiwohnt. Sie freundet sich mit Clémentine an, einer Fan von Chevalier, die darauf besteht, dass ihm reingelegt wird.
Clémentine verteidigt Chevalier neurotisch und lautstark, indem sie in Fernsehsendungen anruft und Reporter vor dem Gerichtssaal anschreit. Sie macht ein Spektakel aus sich. Aber Kelly-Anne bleibt mysteriöser, ihre Motive sind unklar. Selbst am Ende des Films herrscht Unklarheit darüber, was sie erreichen wollte und warum.
Die Mehrdeutigkeit ist Teil dessen, was ausmacht Rote Räume so spannend. Der Film fühlt sich unvorhersehbar an. Keiner der Charaktere wirkt vertrauenswürdig oder nachvollziehbar. Die Welt, in der sie leben, ist vertraut und doch unheimlich.
Der Film verweilt lange in diesem Unbehagen, sodass man sich windet. Wir geben Ihnen die Möglichkeit, alle möglichen Szenarien durchzuspielen, die sich in Ihrem Kopf abspielen könnten. Ist Chevalier wirklich der Mörder? Ist Kelly-Anne die Mörderin? War eine der Mütter des Opfers eine Komplizin? Bewahrt der Staatsanwalt ein Geheimnis?
Der Film schreitet langsam voran und erzählt eine Geschichte von Entführungen, Livestream-Folter und Schnupftabakfilmen, bevor er in einen Höhepunkt mündet, der unerwartet Online-Poker und Bitcoin für echtes Drama einsetzt. Letztlich geht es weniger um die Morde selbst als vielmehr um Besessenheit, Internetblasen und die Medien. Es fühlt sich fast wie ein düstereres Gegenstück zu David Finchers Werk an Vorbei, Mädchen.